Häher und Luchs

EichelhäherDer Eichelhäher ist ein schnellflügliges Wesen, das über alles Bescheid weiß, was sich im Riesengebirge und Riesengebirgsvorland tut. Egal ob im Sommer oder Winter – jeder, der frische Informationen oder einen Ratschlag braucht, kann sich getrost an diesen Tausendsassa wenden. Unter einem seiner Flügel klemmt ein Funkgerät, deshalb hat er immer einen heißen Draht zur Bergwacht. Aber viel lieber benutzt er sein Smartphone und Tablet. So kann er telefonieren, mit dem Schnabel Eilnachrichten tippen, Fotos schießen, Karten aktualisieren und viele weitere nützliche Sachen tun.

Das ansonsten so nützliche Vöglein hat nur einen Fehler: Er kann einfach nicht leise sein. Den meisten macht das nichts aus – sie stellen ihn nur leiser. Aber es gibt auch solche, die bei seinem Geschrei Kopfschmerzen bekommen.

Namentlich der seltene Luchs. Vor Jahren zog er sich in die stilleren Beskiden zurück. Später überkam ihn aber das Heimweh. Und so kehrte er in die Riesengebirgswälder zurück und alles schien darauf hinzudeuten, dass er hier bis zu seinem Lebensende zufrieden ist.

Bis der Eichelhäher auftauchte. Kaum ließ er sich auf einem Wipfel nieder, fing er an zu schreien. Laut und durchdringend. Der Luchs fing an, unter Neurosen zu leiden. Nachts konnte er nicht schlafen und beim Jagen wurde er immer täppischer. Und so beschloss er, den Eichelhäher aus dem Wald zu verjagen. Eines Tages kletterte er still und heimlich bis zu dem Ast hinauf, auf dem der Eichelhäher saß. Zum Glück erblickte der Eichelhäher ihn im letzten Moment und flog auf einen höheren Ast. Dann auf einen noch höheren. Zuguterletzt auf einen, wohin der Luchs nicht mehr konnte.

Aber was war passiert? Beim ängstlichen Herumflattern, waren ihm das Handy, Tablet und Funkgerät runtergefallen. Nun brach große Verwirrung aus. Die Wanderer warteten vergeblich auf Informationen, wohin sie gehen sollen. Die Radfahrer wurden von der hereinbrechenden Dunkelheit überrascht, weil sie nicht wussten, wann die Sonne untergeht. In den Pensionen wartete man verzweifelt auf herumirrende Touristen. Kurz und gut, alle warteten gespannt auf Informationen – aber der Eichelhäher schwieg sich aus.

Der Ausfall des Eichelhähers blieb auch dem Rübezahl nicht verborgen. Er blickte in sein Scharfblick-Fernrohr und sah den Luchs, wie er sich auf den Sprung vorbereitete. Vermaledeites Krummholz, brummte er und nieste heftig. Der Luchs erschrak, sprang weg und verschwand im Unterholz. Der Eichelhäher wiederum flog zum Waldboden und las seine Geräte auf. Es dauerte nur wenige Minuten und die Verbindung war wiederhergestellt.

EichelhäherUnd schon bekamen alle Wanderer wieder Nachrichten, wie und wohin sie gehen sollen und was sie nicht verpassen sollten. Aber auch, was sie lieber unterlassen sollten.

Eines hat der Eichelhäher dazugelernt: Ist der Luchs in der Nähe, flüstert man lieber nur.